2018 · Geschichte und Leben

UPDATE zu „Ich – ein chronisch kranker Arbeitnehmer“

Im April veröffentlichte ich einen Beitrag zu meinen Erfahrungen in Arbeitswelt mit Krankheit, kurz bevor ich eine neue Stelle angetreten habe. Nun sind exakt zwei Monate vergangen, weshalb ich heute ein kleines Update zur neuen Arbeit abgeben möchte. Ich – ein chronisch kranker Arbeitnehmer Ich hatte meinen Beitrag abgeschlossen mit den Worten: noch nie hatte ich beruflich mehr das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Daran will ich nun anknüpfen. Zwei Monate sind nicht die Welt aber ich habe genug Erfahrung mit unterschiedlichen Arbeitgebern, um zu merken, woran ich bin. Ich stecke noch in der Probezeit, klar. Und ich stecke noch mitten in der Einarbeitung, auch klar. Aber trotzdem habe ich ein Gefühl durch die Erlebnisse und allgemein die Zeit innerhalb der Firma bekommen.

Mein Arbeitgeber ist ein mittelständiges Unternehmen, welches lokal sehr verwurzelt ist und etwa 300 Leute beschäftigt. Wir sind Hersteller von Medizinprodukten für Menschen mit Beeinträchtigungen, jedoch keine, die ich auch habe. Ich finde es aber gut, für so jemanden zu arbeiten, der sich mit einem sensibleren Thema beschäftigt. Es ist auch ein Unternehmen, was seinen Mitarbeitern einiges bietet. Das mag nicht jedem bewusst sein, aber es ist so. Ich habe kurze vierzehn Minuten Fahrt zur Arbeit und Gleitzeit, die mit Kernzeiten versehen ist. In dem Export-Team von drei Leuten, in dem ich arbeite, sind wir flexibel, was die Einteilung der Tage angeht. Das heißt, mal fange ich um 8 Uhr an, mal bleibe ich bis 17 Uhr. Ich kann aber auch schon um 7 Uhr anfangen, wenn ich möchte freitags nach 6 Stunden um 14 Uhr ins Wochenende gehen. Meine Stunden werden dokumentiert, ich kann mehr machen, aber ich kann das dann auch zu anderen Zeiten wieder für eine Auszeit nutzen. Das ist wundervoll für mich, ich bin echt andere Verhältnisse gewöhnt und empfinde mein Stundenkonto und diese flexible Einteilung als reinen Luxus. Ich hatte in diesen acht Wochen auch schon drei Arzttermine am Morgen, ein CT und zwei Kontrolltermine. Die mussten eben sein und obwohl es sogar in die Kernzeit reinreichte, war das mit einer Ankündigung gar kein Problem. Auch dadurch, weil ich bereits in der Bewerbungsphase sehr offen mit der Krankheit umgegangen bin. Somit bin ich nun in der Lage, weiterhin offen zu kommunizieren und meine Fehlzeiten dann auszugleichen, ohne mir etwas zuschulden kommen zu lassen. Ich sitze in einem Büro mit etwa 10 Menschen zeitgleich, hier ist oft das Fenster auf und es kommt Frischluft rein. Es ist mir nicht ständig viel zu warm, ich kann gut mit den Temperaturen umgehen. In der Nähe sind die WCs und da ich für eine Firma arbeite, die beeinträchtigte Menschen versorgt, haben wir eine Behinderten-Toilette. Eine Kollegin vor mir sitzt auch im Rollstuhl, das nur als Anmerkung und sie ist einfach nur cool drauf. Da gehen auch die anderen mal drauf, es gibt dort nämlich auch warmes Wasser. Bevor ich das wusste, sprach ich meine Abteilungsleiterin am nächsten Schreibtisch an, ob das denn OK wäre, wenn ich das auch benutzen würde – sie weiß, was ich habe und auch, dass ich den Status des Schwerbehindertenausweises habe. Die anderen bisher nicht. Ich schreibe es mir nicht auf die Stirn, wenn mich aber jemand fragen würde, könnte ich auch ehrlich davon erzählen. Und sie sagte natürlich sofort, dass ich das machen soll. Natürlich. Und seither, wenn ich mal den Beutel wechseln muss, geh ich einfach auf das Behindertenklo. Das fällt schon gar nicht wirklich auf, das interessiert auch keinen. Bei meiner Bürotätigkeit stehe ich mir mit dem Beutel und dem Crohn nicht weiter im Weg, das war bei der vorherigen Bürostelle auch kein Problem. Ich darf oft sitzen aber ich hätte auch einen Tisch, den ich hochfahren kann, um im Stehen zu arbeiten. Ich mache täglich eine Pause von 30 Minuten, manchmal auch mehr, wenn man essen geht. Denn die Firma bezuschusst den Mittagstisch eines Gasthauses in der Nähe, das wirklich leckeres Essen hat und da nimmt man sich dann Zeit dafür. Auch, um Kollegen besser kennenzulernen, denn es gibt echt viele davon. Die Pausen tuen mir gut, jeder wünscht sich Mahlzeit und man kann sich Essen warmmachen, es gibt jederzeit kostenlos Wasser und sehr günstig andere Getränke. Man ist allgemein sehr freundlich, das Miteinander macht einen guten Eindruck, es macht Spaß, Teil davon zu sein. Jedes Unternehmen hat auch interne Probleme, Schwachstellen oder Punkte, an denen gearbeitet werden muss – aber das ist völlig normal. Ich fühle mich wohl mit den Menschen in dem Büro, in dem ich sitze. Aber nicht nur dort. Die Einarbeitung ist hier wirklich wichtig, damit will ich sagen: Ich komme wirklich rum im Haus. In der Werkstatt draußen, bei den Produktmanagern, in den unterschiedlichen Abteilungen und so weiter. Die Abteilungsleiter nehmen sich Zeit für die Neue, erzählen ein bisschen von Ihrer Tätigkeit, wen ich kennen sollte, wer was macht, was wichtig ist. Das ist wahnsinnig interessant, alles waren wahnsinnig offen und kommunikativ. Man lernt die Leute und das Unternehmen auf eine Art kennen, die nicht in jedem Unternehmen möglich sind. Die Offenheit und die Einblicke schätze ich sehr. Das Ganze ist natürlich nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch mit den Produkten selbst. Und da kommt tatsächlich mein Handicap zur Sprache, denn die Produkte wiegen gerne mehr als 3 Kilo und mehr hebe ich ja nicht im Moment. Das heißt, dass ich immer wieder irgendwann das Wort ergreife und sage, dass ich aus gesundheitlichen Gründen nicht heben darf. Viele denken dann, dass ich „Rücken“ habe, einen Bandscheibenvorfall oder so. Ich sage dann sogar, dass es eine Bauch-OP war und da fragt dann keiner mehr nach. Aber keiner guckt schräg, keiner reagiert doof. Es wird eingebaut oder umschifft. Ich fühle mich sicher bzw. unterstützt und nicht hintenangestellt. Meine Tätigkeit, der Kundenservice und Export weltweit, ist sehr interessant und abwechslungsreich. Die unterschiedlichen Kulturen machen Spaß, besonders weil ich die Nord-Europäer betreue und Kanada. Ich möchte mein Schwedisch wieder auffrischen und endlich kann ich mein Englisch professionell nutzen. Natürlich kann ich auch andere Eigenschaften positiv einsetzen. In der Zwischenzeit war ich natürlich neugierig gewesen, warum sie mich gewählt hatten und nicht jemand anderen. Die Antwort erfüllte mich persönlich mit Stolz. Sie sagten, ich sei echt gewesen, authentisch. Ich passte einfach. Ich hatte Energie, von der man etwas abhaben wollte. Nun lachen wir viel miteinander, aber wir packen auch an und sind ernst. Nach acht Wochen fange ich langsam an zu verstehen, wie der Hase läuft. Oder anders gesagt… diesen Montag fühlte ich mich wie der größte Depp auf Erden, weil ich nichts mehr verstanden habe und diese Freitag habe ich gut abgeschlossen, habe Sachverhalte verstanden und Wissen erfolgreich angewendet. Ich lerne natürlich noch, in jeder Stunde, in der ich da bin. Das wird noch Monate so gehen. Meine Kolleginnen sind wahnsinnig geduldig und aller Zeit bereit, mich zu unterstützen. Meine eigenen Anforderungen ist sehr hoch und das ist ehrlich gesagt nicht wirklich förderlich, weil es mich unnötig stresst. Weil das Feedback gut ist, das ich erhalte. Dass ich mich auf einem guten Weg befinde. Dass ich das gut mache. Ich wünschte nur, ich hätte schon mehr Durchblick. Dabei wird mir immer wieder gesagt, dass es wirklich Zeit benötigt und ich Geduld haben soll, denn es wird. Geduld ist nicht wirklich meine Stärke, aber ich versuche es. Die Tätigkeit ist komplexer als alles, was ich davor gemacht habe, was ich super finde. Ich fühle mich wohl mit den Menschen, was ebenso super ist. Das Produktportfolio ist umfangreich und die Produkte machen Spaß und sind toll, ich mag sie. Ich gehe gerne zur Arbeit, das Gefühl der Wertschätzung ist bereits jetzt spürbar und wenn ich in die Zukunft schaue, dann kann ich mir ehrlich vorstellen, lange hier zu bleiben. Mich lange zu engagieren, ganz viele Jahre in diesem Unternehmen zu verbringen und mich weiterentwickeln, aber auch etwas für diese Firma zu geben. Diese Firma hat es glaube ich verstanden, dass wir alle Menschen sind. Sie hat verstanden, dass die richtigen Menschen mit der richtigen Unterstützung sehr viel leisten können.

Ich möchte Teil davon sein. Und nein, die Firma weiß nicht, dass ich hier gerade Lob ausspreche. Es ist einfach die Wahrheit, die ich empfinde und somit kann ich nur erneut mit den Worten abschließen: noch nie hatte ich beruflich mehr das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Und das erfüllt mich inzwischen einfach nur mit Freude! Nächste Meilensteine: mehr Geduld beim Lernen haben und das Ende der Probezeit erreichen 🙂

 

2 Kommentare zu „UPDATE zu „Ich – ein chronisch kranker Arbeitnehmer“

  1. Hallo meine Liebe,das alles freut mich so sehr für dich und ich wünsche dir weiterhin ,einen tollen ,super guten ,Lebens-und Arbeitsweg ,es grüßt dich Marion …

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