Etwas vermissen …

Etwas zu vermissen macht uns meist traurig, frustriert uns oder lässt uns verzweifeln. Ich spreche nicht von Trauer kurz nach einem Verlust, sondern von vielen Jahren später. Verlustschmerz ist ein Gefühl, dass wir zulassen müssen – unserer Selbst Willen, weil es Teil von uns ist. Jeder verliert Dinge. Verlustschmerz hat Daseinsberechtigung, dies zu unterdrücken schadet uns langfristig.

IMG_9176

Folgende Situation… vor ein paar Tagen. Ich knie grad auf unseren Badezimmerfliesen, um diese zu putzen. Dabei höre ich Musik, als das Lied „17“ über meine Kopfhörer in meine Ohren dringt. Keiner außer mir ist Zuhause. Der Sänger richtet seine Frage im Lied an eine andere Person, in diesem Moment trifft es mich wie ein Blitz: Für mich ist der Liedtext wie ein Selbstgespräch und ich beginne erbärmlich zu weinen. Es bricht aus mir raus, von jetzt auf gleich, und ich lasse es zu. Die immer wiederkehrende Frage ist es, die das auslöst: >> Könntest du mich so lieben als wären wir 17 – damals als wir nichts sein mussten außer 17 << Mit 17 Jahren war ich glücklicher denn je. Ich hatte noch nicht so viele Fehler im Leben begangen, hatte zwar schon ganz schön eingesteckt aber auch ausgeteilt. Dort begann ich mich selbst zu lieben, begann so zu sein wie ich bin und genoss es. Ich hatte aus dem Nichts ein neues Leben auf Zeit in Amerika gestartet. Ich war gesund und dabei, mich selbst zu finden. Ich hatte eine Leichtigkeit und ich fühlte mich so frei wie nie wieder in meinem Leben. 17. Könnte ich mich selbst so lieben, wie damals mit 17 – nun mit weiteren 14 Jahren im Gepäck? Mit 12 Jahren Krankheit, die zeitweise jemanden aus mir macht, der ich weder sein will noch den ich besonders mag? Es gibt trotz Akzeptanz für mein Leben immer wieder Momente, da habe ich nicht viel Liebe über für mich selbst und fühle mich alles andere als unbeschwert. Gehört wahrscheinlich einfach dazu. Da frage ich mich, wie mein Leben wäre, wenn ich gesund geblieben wäre. Ob ich mit mehr Leichtigkeit durch’s Leben streifen würde. Ob ich andere Fehler, weniger Fehler oder mehr Fehler gemacht hätte. Ob ich ein besserer Mensch geworden wäre. Ob ich mich selbst uneingeschränkter lieben würde. Gerade in diesem Moment, auf meinem Badezimmerboden, vermisse ich mein 17-Jähriges ich. Mein von Herzen glückliches, unbeschwertes und freies Ich, dass sich liebt, wie es ist. Ich sitze da und weine einfach.

Noch mal: Es ist gesund, die Emotion zuzulassen – und dann weiterzumachen. Auch wenn man es in dem Moment nur mit sich ausmacht. Ja, „es“ ist nicht mehr Teil der Gegenwart. Aber sei froh, dass „es“ Teil deiner Vergangenheit war. „Es“ hatte sicherlich einen Zweck, wie Vieles im Leben. Manchmal erkennen wir erst später, wofür. Manchmal erfahren wir den Zweck nie. Sein gesünderes Ich zu vermissen ist okay. Nicht zu verstehen, warum man diesen Lebensweg gehen muss, ist okay. Deswegen aufzugeben, ist nicht okay!

Hinterlasse einen Kommentar