TRAGEVERBOT im Alltag

Nach meiner Art von Operation wird einem geraten, nicht über 10 Kilo zu tragen. Es heißt dann nur ein paar Wochen. Ich kenne mich und weiß, dass diese Angabe für mich nicht gilt. Mit meiner Geschichte von Hernien trotz Stützbandage (mein erster Eintrag dazu bitte hier klicken) und dem miesen Bindegewebe meines Bauches ersetze ich 10 mit 3 Kilo. Vielen ist gar nicht bewusst, wie sehr man mit maximal 3 Kilo eingeschränkt ist. Auch die Dauer dieses strikten Regimes gilt für mich viel länger als nur ein paar Wochen. Eine Schonung für zwei Wochen wird da angesprochen, da steck ich grad noch drin. Danach ist man aber noch nicht fit für den alten Alltag. Ich bin es definitiv noch nicht. Genesung verläuft selten gradlinig, es ist mehr ein Auf und Ab, mit Umwegen und kompletten Stops. Da ich eine Hernienhistorie vorweise, sind Aufgaben im Haushalt bereits dementsprechend aufgeteilt. Einkäufe trägt mein Mann, wenn ich alleine einkaufe, dann parke ich direkt vor unserem Reihenhaus und trage den Einkauf in kleineren Portionen ins Haus. Am Waschtag sorge ich für die Organisation, das Aufhängen und Bügeln, die Schlepperei über zwei Etagen übernimmt er. Mein Fahrrad steht zum Beispiel auch nicht im Keller unten, sondern in der Garage oben. Und unsere Tochter kann generell zwischen Mama und Papa unterscheiden – Papa trägt, Mama nur wenn es sein muss. Sie kann laufen seit sie 1 Jahr ist und dafür kann ich sehr dankbar sein. Ich habe schon früh angefangen, sie nur körpernah zu tragen und nur wenn es nicht anders geht. Das klingt, als hätte ich ihr Etwas vorenthalten. Natürlich ist das nicht so, denn statt sie hochzunehmen ging ich zum Beispiel in die Knie, setzte mich zu ihr auf den Boden oder wir kuschelten auf dem Sofa sitzend, nachdem sie hoch geklettert war. Es gibt viele Wege, ohne tatsächliches Tragen Geborgenheit und Verständnis zu vermitteln. 

Früher war es relativ gesehen einfach, nach einer Operation wieder fit zu werden. Mein Mann ging arbeiten und sorgte sich um die groben Dinge im Haus, den Einkauf und um mich. Und ich, ich konnte einfach ausruhen, liegen, schlafen oder langsam wieder kleine Aufgaben übernehmen. Ohne jeglichen Zeitdruck oder dem Druck, einem kleinen Menschen gerecht zu werden. Was ich damit meine, versteht jedes Elternteil – wie geht man damit um, wenn man sein kleines Kind gar nicht mehr hochheben oder tragen kann und sowieso nicht wirklich belastbar ist? 

Vor über drei Wochen wurde ich operiert. Die erste Zeit war mein Mann immer da und hat mit der Kleinen alles gemacht. Auch nachts. Ich war nur abseits da, damit ich da war und konnte mich oft komplett rausnehmen. Das war gut, denn ich war zwar daheim, aber ich hatte noch viele Schmerzen und hätte mich nicht ausreichend kümmern können. Aktuell kann ich sehr dankbar sein, dass das kleine 11-Kilo-Monsterchen den halben Tag in der Kita ist. Sie geht gern, hat dort Abwechslung und einen geregelten Ablauf, während ich nicht viel mehr daheim mache als ausruhen. 

Die morgendliche Routine schaffe ich grad so. Das heißt, dass ich sie nicht auf dem Wickeltisch umziehe, sondern dass wir alles auf dem weichen Teppich machen. Ich richte mich selbst minimal, von Ordnung kann dann keine Rede sein. Aber ich habe dann den Vormittag Zeit, langsam etwas Ordnung zu schaffen. Obwohl sie schon monatelang die Treppe hoch laufen kann, hatte sie immer Angst all die vielen Stufen ins Erdgeschoss runter zu laufen. Vor ein paar Tagen erst hatten wir einen Durchbruch, denn nun bewältigt sie die große Treppe mit Spaß – nämlich Stufe für Stufe auf dem Hosenboden. Dann fahren wir mit dem Auto in die Kita. Sie klettert ins Auto hinein, ich helfe nur ein bisschen nach. Auch aus dem Auto heraus schafft sie mit ein wenig Hilfe. Immer mehr signalisiert sie mir, dass sie das ganz alleine machen will oder heute doch etwas mehr Hilfe möchte. Kleine Strecken kann sie dann absolut problemlos laufen. Zur Kita, in einen Laden, alles Zuhause. Die Zeit ohne Kind nutze ich zur Genesung, ich schlafe und liege aktuell die meiste Zeit im Bett. Immer wieder stehe ich auf, um kleinere Aufgaben zu erledigen – wie zum Beispiel die Ordnung. Einen Wecker muss ich mir aber stellen, den nach dem Mittagsschlaf muss ich zum Abholen wieder in die Kita fahren. Auf Objekte hoch zu klettern ist weniger ein Problem für uns, das Sofa und das Bett sind schon lange keine Hürden mehr. Dann kümmere ich mich zwei Stunden um sie, mit einem Snack, Spielen drinnen mit wenig Aktion und ehrlich gesagt auch mit Kinderfilmen. Wir schauen mit ihr eigentlich nie Fernsehen und wollen sie so wenig wie möglich davor absetzen – aber aktuell bin ich dankbar, damit etwas Ruhigeres als Beschäftigung zu haben. Wir liegen dann beide auf dem Sofa und reden dann über die Sachen, die sie dort sieht und aus Büchern kennt. Wenn Papa da ist, gibt es mehr Aktion. Besonders gern ist sie grad im Garten mit Rutsche, Sandkasten und ihren Wasserspielzeugen.

Dann gibt es später Abendessen, das sie normalerweise in ihrem Hochstuhl mit Tischchen essen würde. Aber dorthin kann ich sie nicht heben – also war es Zeit, das Tischchen wegzumachen damit sie selbst hoch und runter kommt. Klingt zwar super, aber dadurch entstand ein neues Thema: Zum Essen sitzen bleiben … funktioniert nämlich nicht sehr gut. Aber das gehört auch dazu – mehr Selbstständigkeit heißt, dass man mehr ausprobieren kann. 

Unsere Kleine wird größer, mit jedem Tag. Für ein 17 Monate altes Kind kommt sie mit der Situation gut klar und mit Papa schaffen wir alles sowieso irgendwie! Wenn man wie ich etwas Gepäck mit sich herumträgt, muss man lernen, umzudenken bzw. kreativ zu werden. Inzwischen übernehme ich die meisten Nächte wieder und die Schmerzen werden weniger. Mit Geduld wird es Tag für Tag leichter für mich, meiner Rolle wieder mehr gerecht zu werden. 

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