FINDEN SIE, DASS SIE SCHWIERIG SIND?

ICH STEHE HIER, MITTEN IM LEBEN. EINFACH SO. ABER DAS GEPÄCK, DASS ICH MIT MIR HERUMTRAGE, WIEGT GERADE SCHWER. ICH BIN WIEDER MAL AN EINEM PUNKT BEI MIR ANGEKOMMEN, AN DEM ICH TEILE MEINES GEPÄCKS ZURÜCKLASSEN MUSS, WILL UND KANN. ICH BIN DANKBAR, DASS ICH IN DER LAGE BIN, DIES THERAPIEARTIG SCHRITT FÜR SCHRITT ZU REALISIEREN. ICH REDE SCHON EINE WEILE MIT JEMANDEM, NICHT WEGEN DEM HIER NUN AUFGEGRIFFENEN THEMA. UND TROTZDEM KANN ICH FROH SEIN ÜBER DIE WELLEN, DIE DIE GESPRÄCHE SCHLAGEN UND DIE MICH WACH RÜTTELN.

FINDEN SIE, DASS SIE SCHWIERIG SIND? Ich überlege gar nicht: Ja! WARUM FINDEN SIE, DASS SIE SCHWIERIG SIND? Ich überlege, einige Sekunden: Ich kann es nicht erklären, aber es war noch nie anders. FINDET IHR MANN, DASS SIE SCHWIERIG SIND? Auch hier überlege ich und sage: Ich habe nie gefragt, ich gehe davon aus. MERKEN SIE, DASS ES EINE BEWERTUNG IST? Meine Augen werden feucht, das ist schon Antwort genug: Ja. SIE KENNEN DAS GEFÜHL, FÜR DIE ANDEREN SCHWIERIG ZU SEIN, SCHON SEHR LANGE, NICHT WAHR? Ich nicke nur.

Schwierig sein heißt, ein extremes Maß an Umsicht im Alltag einzufordern. Schwierig sein heißt, im Umgang mit anderen stets anstrengend oder gar problematisch zu sein. Schwierig sein heißt, unangenehm oder unbequem zu sein und alles kontrollieren zu wollen. Schwierig sein heißt, Situationen durch erschwerenden Widerständen Grenzen zu setzen. Schwierig sein heißt, dass man nicht umgänglich ist, sondern verzwickt und schwer verständlich. Schwierig sein heißt, nur mit Vorsicht zu genießen sein. Schwierig sein heißt, nur eine Last und Verpflichtung darzustellen. Schwierig sein heißt, die Erwartungen anderer Menschen nicht zu befriedigen.

„Elisa ist schwererziehbar“ hieß es es meiner Kindheit. Keine Sekunde habe ich das je vergessen. Als ich damals Nachts leider Probleme mit der Blasenentleerung hatte, litt mein Selbstwertgefühl sehr darunter. Dass ich deswegen dann zu einem Psychiater geschickt wurde, weil was mit mir nicht richtig sein konnte, machte mich damals wütend.

„Du bist wie dein Vater“ war niemals als Komplimente gedacht und half mir in meiner Jugend überhaupt nicht, mich gut zu fühlen. Genauso wenig wie der Fakt, dass ich wiederholend nicht nur darauf hingewiesen wurde, dick zu sein (als Heranwachsende, noch im Rahmen), sondern man mich zwingen wollte, mein Übergewicht gar zu berechnen.

Es war sehr oft ein unbeschreibliches Gefühl – sich unverstanden zu fühlen oder gar auf dem falschen Weg und ungenügend zu sein. Erwartungen zu erfüllen, als ich dann heranwuchs, schien mir immer wieder zu misslingen. Ich rebellierte früh gegen etwas, was ich nicht erklären konnte – ich rauchte und trank, die Schule ging mir am Arsch vorbei und ich eckte sehr viel an.

Dass ich gesundheitlich nun sehr bestimmt auf mich achte und öfter nein sage, hat in den letzten Jahren meines Erwachsenenleben immer wieder für kleinen und großen Unmut mir gegenüber geführt. Dass ich gesundheitlich nicht alles kann oder sonst einfach nicht alles will und zu Allem „ja und Amen“ sage, ist seitdem ich erwachsen bin und meinen Weg mit dem Leben gefunden habe, immer wieder ein Thema.

„Dein Verhalten macht Person X krank“ ist eines von den dümmsten, gemeinsten aber auch schmerzhaftesten Dingen, die man jemandem, der für sich selbst einsteht, entgegenbringen kann. Ich war gerne schon Grundlage für anderer Leute Gesundheit gewesen, weil ich mich verteidigte.

„Wir sind deinem Mann so dankbar [dass er das mit dir macht]“ … gemeint ist das Leben und zusammen sein. Es scheint in anderer Leute Augen schwer vorstellbar, dass man einfach mit mir sein möchte und das nicht als Last sieht. Dass ich auch Dinge bieten kann, wie verrückt muss diese Vorstellung sein.

„Elisa ist unflexibel, tut mir leid [dass sie nicht das macht, was ich von ihr erwarte]“ … ist nur ein Beispiel dafür, wie unangenehm ich jemandem sein kann. 4 Wochen post OP und mit kleinem Kind. So schlimm, dass man sich für mich schämen und sich im meinem Namen entschuldigen muss. Nicht das erste Mal.

Das sind nur ein paar Beispiele. In den Jahren bin ich gut darin geworden, viele davon zu verdrängen. Das dadurch entstandene Gefühl tief im Innern blieb. Ich möchte absolut kein Mitleid dafür, denn das ist für mich ein absolut schreckliches Ding … „Mitleid haben“ oder gar „bemitleidet werden“. Unbrauchbar: nicht hilfreich und nicht bestärkend.

SIE KENNEN DAS GEFÜHL, FÜR DIE ANDEREN SCHWIERIG ZU SEIN, SCHON SEHR LANGE, NICHT WAHR? Ich nicke nur. HABEN SIE SCHON MAL ÜBERLEGT, WAS SIE EIGENTLICH SIND? Ich überlege wieder, aber in meinem Kopf dreht sich alleinig das Wort „schwierig“: Nein. SIE SIND ZUM BEISPIEL GESTALTEND, VIELSCHICHTIG UND WILLENSSTARK. Ich bin sprachlos als sie mich dabei geradeaus ansieht und mehr in mir sieht. IHRE TOCHTER IST WIE SIE. Das erfüllt mich mit Stolz und ich lächle.

Zuhause fragte ich meinen Mann, ob er fände, dass ich schwierig sei. Eine Frage, die ich vorher aus Angst nie gewagt hätte, zu fragen: Nein. Nachdem mir meine Familie versteckt und direkt, gewollt und ungewollt, über Jahrzehnte mein Gepäck mit Steinen der Marke „schwierig“ vollgepackt hatte, begann ich an diesem Tag, mich freier zu fühlen. Zu verstehen, dass jedes Mal wenn ich schwierig bin für das Gegenüber, nicht ich den Kern des Problem darstelle – sondern mein Reflektieren meine Erlösung ist und das Verhalten anderer mir gegenüber nichts über mich aussagt, sondern über sie. Es war für mich sehr schwer vorstellbar, dass mich jemand nicht als schwierig empfindet. Einfach so. Viele Jahre haben mich sehr geprägt und manchmal frage ich mich, warum ich es nicht eher sehen konnte. Vielleicht war es nicht an der Zeit, zu wachsen. Die Zeit ist jetzt.

ICH BIN VIELES.

ABER ICH BIN NICHT SCHWIERIG.

Ich bin komplex

Ich bin anspruchsvoll

Ich bin auffallend

Ich bin hartnäckig

Ich bin gestaltend

Ich bin willensstark

Ich bin planungsfanatisch

Ich bin eigenbestimmt

Ich bin resilient

Ich bin chronisch krank

Ich bin voller Fehler

Ich bin emotional

Ich bin temperamentvoll

Ich bin andersartig

Ich bin lebendig

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