Nützliches Wissen - Useful Ken

… und was trägst du drunter?

… dass ich mal über Unterwäsche schreiben würde, das hätte ich wohl nie gedacht. Unterwäsche, das ist die Kleidung, die man direkt am Körper trägt. Die Kleidung, die, bis auf eine Handvoll Menschen in deinem Umfeld, niemand zu Gesicht bekommt. Und obwohl das genauso ist, hat diese Kleidung sehr viel Funktion und ist mit sehr viel mehr verbunden, nämlich mit Wohlgefühl, Weiblichkeit und Selbstbewusstsein. Ich persönlich habe meine Unterwäsche stets nach funktioneller und bequemer Eigenschaften ausgesucht. Selten waren extravagante Teile oder luxuriöse Varianten dabei, dafür interessierte ich mich kaum. Die meisten Jahre meines Lebens war ich sicherlich die unspektakuläre Durchschnittsfrau, die sich einfach wohlfühlen wollte. Aber vielleicht sogar unter dem Durchschnitt, ich möchte der Frau von heute nicht zu nahetreten. Über die Jahre hinweg konnte als meine Unterwäscheschublade ganz unterschiedlich aussehen, sie folgte, wie der Rest vom Schrank keinen Trends, sondern änderte sich nach meinem Befinden. Die vorherrschende Farbe aber veränderte sich wenig, obwohl es eigentlich keine Farbe ist: schwarz. Als Frau gestehe ich hiermit auch, dass ich das Einkaufen nicht ausstehen kann. Ich versuche es zu vermeiden, in einem Laden nach dem anderen zu rennen und dem Marathon des Aus- und Anziehens hinzugeben. Dazu noch in einer Kabine, in der ich mich schnell wie in der Sauna fühle. Nein danke. Um die Entwicklung des Onlineshoppings bin ich also sehr froh. Es ist einfach und unkompliziert, so wie meine Frage, bevor ich ein Teil tatsächlich kaufe: Fühle ich mich wohl? Diese Frage wurde mir klarer, als ich krank wurde. Wenn ich mich schon unwohl fühlte, sollte es die Kleidung wenigstens nicht schlimmer machen. Mit dem Crohn war das ehrlich gesagt nicht schwer umzusetzen. Was die sichtbare Kleidung angeht, änderte sich eigentlich nichts. War ich jedoch früher eher ein Fan von Tangas, entwickelte ich mit dem Fortschreiten der Jahre eine Abneigung dagegen. Nicht weiter schlimm, es gab ja unzählige Arten von Unterhosen. Für jede Frau, jede Größe, jede Form, jeden Geschmack und jeden Geldbeutel. Aber mit einem Beutel ändert sich die Grundlage dieser Überlegung, denn es gibt eben kaum Angebot für Beutelträgerinnen. Eine Weile versuchte ich, an meiner bisherigen Unterwäsche festzuhalten. Und nein, nie zu irgendeinem Zeitpunkt habe ich Wäsche zerschnitten. Von Beginn an war ich ein „Drunterträger“ – nicht, weil es mir darum geht, den Beutel zu verstecken. Nicht, weil ich mich nicht traue, den Beutel zu zeigen. Einfach, weil ich gern alles aufgeräumt und weggepackt habe, es gesichert mag. Meine erste Trageweise war also eine Unterhose, die die Platte von unten abdeckte, der Beutel hing dann lose darüber. Das allein war natürlich blöd, deswegen benötigte ich von Anfang an ein Zusatzprodukt. Die bunten Bandagen von Tamara Lammers waren das, hierzulande sehr bekannt und beliebt; von einer Betroffenen für andere Betroffenen entwickelt. Fast ein Jahr trug ich meinen Beutel also in dieser Bandage über meiner Unterhose und unter meiner Jeans. Da war der Beutel irgendwie aufgeräumt. Die Bandagen waren aber nicht fix und konnte schon mal verrutschen, ich fummelte oft am Beutel rum und da ich mir eh schon leicht zu warm ist, war die Zusatzschicht von Bandage in den warmen Monaten auch blöd. Ich persönlich war nicht glücklich und ging zum nächsten Versuch über. Taillenslips – unattraktive hohe Unterhosen, eher als Omaschlüpper bekannt. Die schönsten Hosen sind es wirklich nicht, aber es fühlte sich viel bequemer an. Alles war in einem Kleidungsstück verstaut, damit war ein Problem behoben und ein neues, kleineres geboren: Der Beutel lag auf der Haut auf. Das muss man mögen oder akzeptieren können. Ich konnte damit leben. Aber mein Ziel hatte ich damit nicht erreicht, denn erstens fühlte ich mich um Jahrzehnte gealtert mit diesem ollen Slip und zweitens war meiner Hernien-Problematik damit überhaupt nicht geholfen. Und auch bei leichten Arbeiten die Bandage zu tragen, ist unbequem und demoralisierte mich zusätzlich. Hierzulande war ich vor über einem Jahr irgendwie am Ende meines Lateins, war noch nicht über Alternativen gestolpert und fand keine neuen Ansätze, die meine Unterwäscheschublade tatsächlich noch bereichern hätte können.

Durch meine Affinität zur englischen Sprache begann ich, auch im Ausland nach Ratschlägen zu suchen. Ich kam schnell zu dem Schluss, dass andere Länder viel weiter waren als Deutschland. Weiter im Sinne von Offenheit, Entwicklungen oder Akzeptanz. Über Bag Lady Mama aus Australien, die selbst Stoma-Trägerin, Crohner und Bloggerin ist, fand ich Shell aus England, ebenfalls Stoma-Trägerin und Aktivistin sowie Model für Vanilla Blush, VB. Dieses Unternehmen gehört zu der Handvoll an Möglichkeiten, die mir geblieben sind. Die Entscheidung, sofort eine Unterhose zu kaufen und auszuprobieren, war gleich getroffen und von diesem Zeitpunkt an erweitere ich mein Onlineshopping eben auch ins Vereinigte Königreich. Zum Shop, den man unter www.vblush.comfindet, möchte ich ein paar Dinge vorab loswerden. Hab in mir gerade noch mal aufgerufen, das erste Mal dieses Jahr und stellte mit Schrecken fest: Ich habe die diesjährigen Neuheiten verpasst! Neue Modelle und neue Models! Es ist ein Shop, der nicht stehen bleibt, sondern sich weiterentwickelt, für und mit seiner Zielgruppe. Mein neues Lieblingsmodell steht übrigens jetzt schon fest – die Hose in Gelb. I love it. Auch die Bilder der neuen Models fallen mir sofort auf, denn es sind neue Gesichter. Wieder sind es jedoch Frauen, die nicht kaschiert sind, sondern echte Frauen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Statur. Das mag ich, denn es ist authentisch. Prinzipiell funktioniert der Shop wie jeder andere auch. Wer dem Englischen nicht ganz so mächtig ist, macht im nächsten Fenster im Browser eben noch einen Übersetzer auf oder kann jede Seite direkt im Shop übersetzen lassen, denn am Ende jeder Seite gibt es dazu die Auswahlmöglichkeit. Zum Versand nur so viel: Es kommt aus einem anderen Land, welches zusätzlich noch durch Wasser von unserem Stück Land getrennt ist. Es braucht ein paar Tage aber es kommt an, ist wunderbar super eingepackt und ist einwandfreie Ware. Und ja, Versand und Produkt haben einen Preis. Wenn man aber bedenkt, was man dafür erhält, kann ich das Preis-Leistungsverhältnis nur bejubeln. Aus dem Grund, weil ich überzeugt bin von der Ware und diese für mich weit mehr ist, als ein Stück Stoff. Weiterhin sollte einem bewusst sein, dass bisher nur mit Kreditkarte gezahlt werden kann. Vielleicht ändert sich das in Zukunft auch noch, vielleicht mit PayPal. Bis dahin, her mit der Karte. Bevor ich eine hatte, musste ich mir die von meinem Mann ausborgen. Ging auch. Eine letzte Anmerkung zum Thema Größen. Es werden natürlich UK-Größen verwendet, bei meinem neuen Liebling in Gelb eben die 8 bis 20. Im Deutschen entspricht das einem Bereich von 34 bis 46. Man gewöhnt sich an die Größenangaben, bis dahin helfen Umrechnungstabellen im Internet bzw. die Umrechnungstabelle auf VB selbst. Tatsächlich finde ich die Größen sehr passend, es entspricht der Realität. Vertreten sind Produkte für Frauen und auch für Männer, Unterwäsche oder Stützwäsche und sogar Bademode. Es ist ein guter Shop, es sind tolle Produkte und es sind engagierte Menschen, die dahinterstehen. VB existiert schon gute zehn Jahre, denn schon 2008 stand die Gründerin Nicola Dames im Fernsehen und berichtete von Ihrer Unterwäsche. Sie ist selbst betroffen, denn sie hat Colitis Ulcerosa und trägt selbst seit vielen Jahren einen Beutel. VB gewinnt Preise für tolle Produkte, bekommt wahnsinnig viel Anerkennung durch die öffentlichkeitswirksame Arbeit und ermöglicht Fortschritte im Bereich der Aufklärung. Sie arbeitete mit Betroffenen und offiziellen Stellen zusammen. VB verkauft nicht nur einfach Ware, sondern verbreitet Selbstbewusstsein und ein gutes Gefühl. Der Shop verzeichnet wunderbare Zahlen und wird in mehreren europäischen Ländern genutzt. Auch nach dem Brexit wird er uns erhalten bleiben, daran arbeitet das Team bereits durch unterschiedliche Unternehmensstandorte. Bei Interesse nach mehr Schlagzeilen oder Informationen kann man im Shop einfach die Neuigkeiten im Archiv durchforsten und erfährt mehr über die Menschen dahinter.

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Nun zum eigentlich Produkt, wird ja auch Zeit. Obwohl ich keine Farbfotos verwenden möchte, muss ich hier wohl eine Ausnahme machen. Es lohnt sich. Das ist meine persönliche Sammlung VB Unterhosen. Farbenfroh. Lebensfroh. Der Stoff fühlt sich gut an, ist weich und von hoher Qualität. Das sag ich nicht einfach so, sondern aus Überzeugung und Erfahrung. Seit über einem Jahr trage ich diese Wäsche und jage diese ebenso oft durch die Waschmaschine (nicht aber den Trockner). Da hängt kein Faden quer und lose herum, die Farben sind immer noch wie am ersten Tag und auch der Stoff fühlt sich neuwertig an. Kein Qualitätsverlust, es ist einfach gut. Jede Unterhose ist anders. Das heißt, dass es leichte Unterschiede im Schnitt gibt, die Muster bei jeder anders ist und mein Kleiderschrank nun auch mit Farben aufwarten kann. Beim Schnitt heißt das übrigens, dass es vielleicht mal etwas höher oder tiefer an der Taille sitzt und die Hose am Po eher oder später aufhört. Aber das ist wahrscheinlich von Frau zu Frau eh individuell. Der Beutel scheint nicht durch, da es ein undurchsichtiger Stoff ist. Klar sieht man den Ring beim Zweiteiler, aber eben kein Material. Der Beutel schaut nicht oben vor und hängt auch nicht unten heraus. Denn hier kommt der Stoma-spezifische Teil: Im kompletten vorderen Bereich jeder Hose ist eine integrierte Tasche, in die der Beutel verschwindet. Es ist nur ein Stück dünnes Stoff, welches sehr wirkungsvoll ist. Die Hosen machen einfach Spaß, sind schön anzusehen und total alltagstauglich. Alles ist in einem verpackt und ist bequem. Es ist die Unterhose, nach der ich gesucht hatte. Und ehrlich gesagt ist es die hochwertigste Unterwäsche, die ich je hatte. Die Hosen sind weiblich, sexy und sie geben mir ein besseres Gefühl.

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VB hat nun aber nicht nur Buntes, VB hat auch schwarz und weiß im Bereich der Stützwäsche. Für mich als Hernien-Patient ist das Gold wert, denn die bunten Hosen haben keine Stützfunktion. Die meisten Tage laufe ich unten bunt und oben schwarz herum. Das so leicht aussehende und unscheinbare Hemd hat eine tolle Stützwirkung, für die leichten Tage und Aufgaben. Damit fühle ich mich sehr viel sicherer und es gibt keinen Tag, an dem ich das Hemd nicht trage. Sobald ich natürlich anstrengendere Aufgaben verrichte, ziehe ich noch eine stützende Hose an oder trage meine Bandage, ist ja klar. Im Folgenden Bilder unterschiedlicher Modelle, damit die Unterschiede klarer werden. Erstens von meiner Lieblingsunterhose, die natürlich lila ist, welch Zufall. Dann ein helles, edleres Unterteil mit lohnenswerter Rückansicht und zu guter Letzt ein Höschen, welches nicht alltagstauglich, sondern betttauglich ist.

Als Fazit möchte ich loswerden, dass ich froh bin, dass es diesen Shop gibt. Die Ware ist top und ich bin sicher, dass da noch Vieles kommen wird. Vielleicht kommt ja wirklich noch mal bunte Wäsche mit Stützfunktion oder der passende BH zu der ein oder anderen Hose. Der Markt hat wahnsinnig viel Potenzial. Ich wünsche mir, dass sich die Bekanntheit dieser Marke in Deutschland erhöht und mehr Menschen von den Vorteilen profitieren können. Dass sich mehr Frauen wieder weiblicher fühlen und merken, dass auch an sie gedacht wird. Dass wir trotz Narben und Beutel in Unterwäsche gut aussehen und uns wohlfühlen können.

Vielen Dank an dich, Nic. Für deine Idee und dein Engagement!

Ein Kommentar zu „… und was trägst du drunter?

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