So eine unnötige Scheiße

I am sick of being sick.

Ich habe es satt, krank zu sein.

Ich hätte gern ein anderes Update gegeben, leider muss ich es nun sagen, wie es ist. Ich war heute wieder in der Notaufnahme.

Die Fahrt hier her war lähmend. Keine laute Musik konnte die dunklen Gedanken verdrängen, die aufkamen. Der Uhrzeiger wanderte schneller weiter, als ich eine Umleitung nach der nächsten fahren konnte. Ein Parkplatz ohne Parkverbot gab es heute auch nicht für mich. Im Krankenhaus die Hölle los und ich einfach nur extrem angespannt. Mein Baby Gott sei Dank den ganzen Tag versorgt, im Geschäft Bescheid gesagt. Ich falle mal wieder aus.

Notaufnahme-Erstgespräch … warum sind sie hier? Meine Güte, manchmal wünschte ich mir, ich könnte sagen, dass es mich auf die Fresse gehauen hat und ich mir den Arm gebrochen habe. Das wäre einfach zu erzählen und einfach zu verstehen. Aber nein. Eh ich mal verständlich gemacht habe, was mit meinen fast 14 Jahren Morbus Crohn Krankheitsgeschichte und 6 Jahren Stoma genau jetzt das Problem ist, will ich am Liebsten vor mir selbst davonrennen. Neue Rekorde aufstellen. Heute besonders schön die Frage, ob ich nach 2008 den Morbus Crohn immer noch hätte? Meine Reaktion darauf: den hat man für immer. Warum bin ich jetzt also gerade hier? Im August war ich bereits hier, weil sich nach der OP unter meiner Versorgungsplatte ein Abszess/Fistel-Problem ergeben hatte. Von jetzt auf dann, die ganze Geschichte zu dem Tag im August lest ihr hier bei „Ein Tag im Leben eines chronischen Kranken“ … am Ende des Tages war ich aufgeschnitten und mit Antibiotikum ging es nach Hause. Das ist zwei Monate her. Seither habe ich in Absprache mit meiner Stoma-Schwester und Wundexpertin die Wunde stets gut versorgt und Entwicklungen beobachtet. Die ersten 7 Tage Antibiotikum reichten nicht, wir legten noch mal 14 Tage drauf. Dann wurde es ruhiger, die Wunde heilte mal mehr aus der Tiefe hoch, mal nicht. Sie war reizlos, aber zugehen wollte das Biest eben auch nicht. Den Oktober über wurde ich unruhiger, warum sich gar nichts tat. Seht selbst an den Bildern, man könnte meinen, nichts tut sich. Ein Schritt vor, ein Schritt zurück. Kein Ende in Sicht. Hallo Wundheilungsstörung!!!

Mit dieser Wunde hält die Platte meiner Versorgung mit weiterem Material gut. Nur unterläuft sie an der Stelle der Wunde häufiger und verunreinigt die offene Stelle. Also musste ich die letzten 8 Wochen doch öfter wechseln als sonst. Eine Wunde unter der Platte war immer mein persönlicher Albtraum. Obwohl es bisher noch gut zu managen war, weiß ich nicht, was sich heute ändern wird. Denn seit geraumer Zeit war neben der Wunde ein kleines aber fast reizloses Areal aufgefallen. Seit zwei Tagen ist es nicht mehr reizlos – es schmerzt, wird rapide schlechter und eitert durch die vorhandene Wunde fröhlich vor sich hin. Wenn ich die Platte wegziehe beim Wechsel ist es wie das Ziehen eines Stöpsels. Es muss definitiv gehandelt werden und ich kann nicht abschätzen, wie sie jetzt mit der Situation umgehen werden.

Nach 40 Minuten Wartezimmer erst mal Blutabnehmen und Zugang legen. Ich bin immer noch komplett nüchtern und versuche, mich mit dem Schreiben dieses Beitrags und dem Machen von Bildern abzulenken. Ich hätte genug dabei, wie letztes Mal auch. Aber grad steht mir der Sinn nicht nach Musik oder Harry Potter auf Schwedisch. Je länger man am gleichen Fleck sitzt, desto mehr beobachtet man. Der Mann, der ungeduldig wartet, mit seiner Platzwunde dranzukommen und deswegen mehrfach nachfragt. Der Mann, bei dem man sich fragt, was er haben könnte, weil äußerlich und im Verhalten nichts zu erkennen ist. Die alte Frau im Rollstuhl mit ihrer Pflegerin, die diese Woche noch ein neues Knie bekommt und gestürzt sein muss. Das Mädchen im Rollstuhl mit ihrer Mutter, deren akutes Problem zwar mit ihrem Bein zu tun hat – dies aber nicht Grund für den dauerhaften Rolli ist. Ein junger Mann, der humpelt und weitere ältere Männer, deren Beschwerden nicht erkennbar sind. Und eine Frau, die unentwegt auf ihrem Handy schreiben, bereits einen Zugang hat, jedoch keine Anzeichen von Verletzung hat. Das bin ich.

Nach einer Stunde der erste Arztkontakt: Wiedersehen macht Freude, das ist sein erster Satz. Wir lachen beide darüber, obwohl wir beide wissen, dass es nicht stimmt. Ich bin froh, dass ich dadurch jetzt nicht alles von vorne erklären muss. Ich werde noch kurz auf dem Gang geparkt und dann geht es in Zimmer Nr. 6 – drin bleiben darf ich heute nicht. Hier ist die Hölle los und ich werde immer wieder ins Wartezimmer müssen. Nach weiteren 20 Minuten dann standen wir zusammen für den ersten Blick auf das Problem. Auch die letzten zwei Monate werden besprochen. Schnell ist klar, dass der Spezialist noch mal für den Schlachtplan her muss. D.h. warten.

Wer denkt, Notaufnahmen sind wie normale Arztpraxen, irrt. Man sieht blutige Menschen. Man hört Menschen vor Schmerz schreien. Seit 10 Minuten schreit eine Frau nebenan heißer nach Hilfe. Sie ist gerade nicht allein, sogar in Behandlung. Aber wenn es die alte Frau aus dem Rolli vorhin ist, ist sie geistig nicht mehr ganz fit. Ich liege hier mit Ru, ohne Versorgung, und höre zu. Für meinen Gemütszustand nicht hilfreich, auch noch mit dem Leid anderer konfrontiert zu sein. Hilflos mit sich selbst und hilflos damit, dem Leid anderer nicht ausweichen zu können.

Sie schrie weiter während der Arzt zurück kam. Ich werde heim geschickt ohne jegliche Behandlung. Krank aber nicht krank genug, das ist mein Motto. Blutwerte gut, also kein Antibiotikum. Entzündung lokal begrenzt, Eiter fließt ab, wie toll, also auch da kein Bedarf. Ich muss bei meinem Hausarzt sogar einen Abstrich machen lassen, weil sie ohne stationäre Aufnahme den von vor zwei Stunden nicht auswerten dürfen. Ich muss daheim ein MRT einholen, mit Wochenlanger Wartezeit dazwischen!!! Dann soll ich in Ruhe wieder in die normale Sprechstunde. Hier verstehen Leute nicht, wie sich das entwickeln kann. Wenn sich ein Hamsterbau von Fisteln unter meiner Platte bildet, hält irgendwann die Platte nicht mehr und ohne OP samt Stoma-Neuanlage läuft dann nichts mehr, weil die Umgebung kaputt ist. Sie wissen aber ohne Bildgebung nicht, wie sie die Situation retten sollen. Mich retten sollen. Es ist nicht mehr so einfach, es ist kompliziert geworden. Aber hey, bei Verschlechterungen darf ich kommen. Was ich heute gemacht habe und mir wurde nicht geholfen. Krank aber nicht krank genug. Dann sollte ich noch auf die Stoma-Schwester warten, um die Versorgung anders zu kleben, damit der Eiter besser abfließen kann. Schnell ist uns klar, ich könnte nichts verbessern oder gar ändern, ohne zu provozieren, mir ins Shirt zu kacken. Ich warte also im Wartezimmer auf meine Papiere, gefrustet und unsicher. Das Mädchen im Rolli weint immer noch und die ältere Frau von nebenan brüllt inzwischen die ganze Notaufnahme zusammen. Ich kann nur hoffen, dass ich bald gehen kann.

Ich startete mein Auto im Parkverbot und rief meine Stoma-Schwester an. Das heutige Resultat auch für sie nicht verständlich, wir sprechen darüber, auf eine einteilige Versorgung zu wechseln um den Abfluss zu begünstigen. Probieren kann man es ja. Wir werden ja dazu verdonnert, uns was einfallen zu lassen. Danach fahre ich weinend richtig Zuhause und bin einfach nur enttäuscht, noch gelähmter als am Morgen und verängstigt. Wochenlang muss ich nun hoffen, dass sich die Tunnel in meinem Bauch nicht verschlimmern. Dass ich kein Fieber bekomme. Ich bin überfordert, wie ich die nächsten Wochen einfach leben soll, wenn ich jeden Tag befürchten muss, eine Verschlechterung zu bemerken. Wie ich die ganze Zeit on hold bin, nichts machen kann und warten muss. Daheim fahre ich zu meinem Arzt, der in einer Gemeinschaftspraxis arbeitet und grad im Urlaub ist. Da der Arztbrief nicht detailliert genug verfasst wurde, wissen die Arzthelferinnen nicht genau, was auf die Überweisung kommt. Also muss ich bis nach seinem Urlaub warten. Ich hole die Krankmeldung, mache einen Termin zum Blutabnehmen und bekomme lieberweise das Material für die Abstriche mit heim. Dann fahre ich zum Radiologen wegen dem MRT, frühster Termin Anfang Dezember. Ich schildere meine Lage, ich ernte mitleidige Blicke. Für Leute wie mich gäbe es eine Warteliste, für Absagen und zum Lücken füllen. Aber ohne Überweisung kein Termin und keine Warteliste. Ich rufe beim ersten Arzt an und komme nicht durch, spreche auf den Anrufbeantworter. Später erhalte ich einen Rückruf, man würde jetzt etwas Ungefähres drauf schreiben und es rüberfaxen. Ungefähr wüsste man es ja, final dann nächste Woche. Ich fahre heim und will am liebsten vor mir Davonlaufen. Fühle mich hilflos und im Stich gelassen. Am Abend lieg ich im Bett und spüre, wie der Bereich unter der Platte pulsiert. Wie es weh tut. Wie mein Kopfkino angesprungen ist. Frage mich, wie ich die nächsten Wochen Ruhe bewahren soll. I am sick of being sick.

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4 Kommentare

    1. Hallo Unbekannter 🙂 Danke für deinen Kommentar. Ich glaube nicht, dass es aus Bosheit so gekommen ist. Wir sind alle bloß Menschen. Vier Tage später wurde ich eingewiesen und auch ernstgenommen. Der kleine Patient wie ich einer bin, muss dran bleiben und für sich einstehen. Leicht ist es nicht.

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