Endometriose Teil 2

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Es ist wieder Dezember und wieder werde ich ambulant operiert. Aber aus anderen Gründen. Es ging nun schneller als gedacht und ich möchte euch an meinen Erlebnissen diese Woche im Nachgang teilhaben lassen. Bitte behaltet im Kopf, dass ich das hier schreibe, um die Erlebnisse ein Stück weit zu verarbeiten und zu zeigen, was es mit einem Menschen macht, wenn dieser immer wieder im Krankenhaus ist. Außerdem möchte ich Einblicke gewähren – entweder um zu sagen: so ist das oder um zu sagen: du bist nicht allein. Mitleid ist fehl am Platz, das bringt niemanden weiter und das habe ich niemals eingefordert. Wenn du öfter auf meiner Seite bist, ist dir das bereits bewusst.

Über „Vitamin B“ gelangte ich an einen guten Termin im Endometriose-Zentrum Tübingen, der war diesen Montag. Die meiste Zeit des Tages verbrachte ich mit Vor- und Nachlauf des Termins. Die Klinik ist echt gut abgeschottet und so war ich es auch. Anrufe nur abgehackt, kein Netz und nur SMS. Somit war auch ich abgeschottet. 3 Stunden warte ich auf den Termin und den Arzt. Mal ist es wirklich laut um mich herum, es fällt mir schwer zu lauschen, ob mein Name in all dem Lärm fällt. Und dann ist es wieder ganz ruhig, fast beängstigend andächtig und einsam. Mein Name wird gerufen und reißt mich aus der Trostlosigkeit dieser Umgebung. Der Arzt ist nett und hört zu, richtig zu. Das merkt man daran, dass dem Lauschen die richtigen Taten folgen. Er untersucht meinen Bauch, tastet den Befund ab und macht einen Ultraschall. Meine Schmerzen haben einen offensichtlichen Grund – ob noch weitere Herde existieren, ist jedoch nicht ausgeschlossen. Die logischste Aktion ist den Herd zu entfernen und die Symptome danach zu überwachen. Hört es nicht auf, ist es Zeit, mich auf den Kopf zu stellen und eine hormonelle Therapie zu beginnen. Obwohl ich mich sterilisieren ließ, um einen weiten Bogen um eben diese zu machen. Da der Befund nicht tief im Bauch liegt, wäre dies gut und leicht mit lokaler Betäubung zu operieren. Noch ehe ich mit dem Auto Tübingen verlasse, erhalte ich den Anruf vom Belegmanagement: am Donnerstag kann der Eingriff stattfinden. So kurzfristig die Betreuung für die Kleine zu sichern, ist gar nicht ohne. Sowieso gleicht es einem gekonnten Zaubertrick, einen klaren Kopf zu bewahren, zu arbeiten, die Kleine nicht zu sehr zu involvieren, alles umzuschmeißen und zu organisieren sowie sich selbst vorzubereiten.

Am Mittwoch hatte ich am Morgen noch gearbeitet, in dem Versuch, ein paar Fälle abzuschließen und so wenig wie möglich an meine tollen verständnisvollen Kolleginnen abzuwälzen. Der ständige Ausfall macht mir grad sehr zu schaffen. Danach beim ersten Schneematsch des Jahres in die Klinik düsen, Schnelltest machen und warten. An diesem Tag mit einem entscheidenden Unterschied: Eine meiner besten Freundinnen ist zeitgleich in der Klinik mit 37+1 zur Kontrolle. Was sie alles für ihren noch ungeborenen Sohn getan hat, ist schlichtweg zu beschreiben mit der puren Liebe einer Mutter. Sie in meiner Gegenwart zu haben und für eine Stunde sprechen zu können, ist unbezahlbar. Ich warte an diesem Tag wieder etwa 3 Stunden, Papa hat freigenommen für unsere Tochter. Schließlich sitze ich relativ lang beim Aufklärungsgespräch, allein meine Vorgeschichte bringt immer wieder Leute dazu, von ihrem Blatt aufzuschauen, „Sie Ärmste“ zu sagen oder mich anzusehen, als hätte ich schon über’s Maß gelitten. Die Ärztin untersucht mich erneut, weil irgendwie untergegangen ist, dass das am Montag bereits geschehen ist und ich den Arzt auch schon kenne. Die Aufklärung für einen derartigen Eingriff gestaltet sich dann schwieriger als gedacht, der richtige Aufklärungsbogen für Endometriose in der Bauchwand existiert irgendwie nicht und wird auch nur selten benötigt. Damit steht schon fest, wohin mein Fall gehört, nämlich nicht in die breite Masse. Natürlich nicht. Ich fühle mich etwas verloren, mit dieser kleinen OP. Meine erste lokale Betäubung. Was mir hierbei Halt gibt, ist meine beste Freundin M. (Anästhesistin im Haus) und dass sie, obwohl sie für den Eingriff als Anästhesistin nicht benötigt wird, vor ihrer langen Schicht den Eingriff mir zu Liebe mitmacht. Am Abend noch eine Dusche, die Nacht ist für mich erwarteter Weise unruhig und ich träume nur Mist.

Mein Mann übernimmt das noch schlafende Kind um 5:15, ich ziehe mich an und stecke die letzten Sachen in meinen Rucksack. 5:45 fahren wir los, mein Nachbar fährt mich in seinem Taxi in die Klinik. Trotz winterlichen Straßen ist die Fahrt entspannt und wir reden über Familie, Fußball und die Nachbarschaft. Wir fahren um 7:00 bis vor den Eingang, ein Luxus. Dann beginnt das Warten, ich höre Hagrid’s Hütte und hoffe, dass die Zeit schnell vergeht. Via SMS schreibe ich mit meiner Freundin von gestern. Der zu operierende Herd schmerzt seit Tagen, wahrscheinlich weil er nun Tage lang bedrängt wurde. Fühle mich ruhig aber zugleich auch aufgeschmissen. Nach einer Stunde darf ich mich umziehen und meine Straßenklamotten in den Schrank packen. Obwohl ich Buch und Handy mitnehmen kann ans Bett, steht mir danach nicht mehr der Sinn. Ich habe Angst. Vor dem Markieren des Herds. Vor Geräuschen. Vor Schmerzen. Vor Komplikationen. Vor dem, was danach kommt. Später weiß ich, dass in dieser Auflistung der Geruch von verbranntem Fleisch und meine Panik vergessen wurde. Eine weitere Stunde später trifft meine beste Freundin M. ein – gerade in dem Moment geht es in den OP. Ihre Umarmung ist die Beste.

Ich denke, ich muss niemandem erklären, dass es kein schönes Gefühl ist, unten herum nackt auf einem Tisch zu liegen. Die warmen Decken auf den Beinen und dem Oberkörper tun gut. Ich werde desinfiziert, abgeklebt und vorbereitet. Die Markierung des Herds ist weniger schlimm als befürchtet. Es gibt keinen Sichtschutz, ich kann den Arzt, der wieder sehr menschlich und einfühlsam agiert, die ganze Zeit sehen und hören. Nach den unangenehmen Betäubungen geht es los, meine M. hat die Armschiene so eingestellt, dass mein Arm ausgestreckt da liegt und ich ihre Hand halten kann. Oder fest drücken. Ich schaue so oft ich kann nur sie an, in ihre Augen und lausche ihren Erzählungen. Manchmal soll auch ich reden, das lenkt ab. Und trotzdem kann ich in vollem Bewusstsein nicht ausblenden, was passiert. Das Geräusch der Gerätschaften und der Geruch meines verbrannten Gewebes ist für mich ein kleiner Horror für sich. Immer wieder überkommen mich die Gefühle und leise Tränen kullern, aber ich kann mich immer wieder fangen.

Jedes Mal wird das aber schwieriger, je länger es dauert. Es dauert länger als gedacht und es ist nicht so leicht und gut, wie ursprünglich angenommen. Der Arzt arbeitet sich immer weiter vor zum Herd, der wenige Zentimeter unter der Haut liegt. Leider wirkt die lokale Betäubung nicht so durchdringend wie gewünscht. Mehrere Male spüre ich stechende Schmerzen oder die Hitze vom Gerät in meinem Körper. Aus dem Nichts. Ohne Vorwarnung. Jedes Mal stresst es mich mehr und verschlimmert meinen Zustand. Es wird nachgespritzt und justiert, der Arzt versucht mich teilhaben zu lassen, was er gerade macht, damit ich es einordnen kann. Weiß, dass wir vorankommen. Ich zittere und es fällt mir zunehmen schwerer, zur Ruhe zurückzufinden. Tränen rollen nicht mehr leise und ich breche unkontrolliert aus, obwohl ich weiß, dass ich in guten Händen bin. Rational bin ich hier ausgestiegen, ich versuche nur noch, mich krampfhaft zu beherrschen. Ein Teil des Herds ist zu diesem Zeitpunkt bereits entfernt. Leider ist es nicht einfach ein Klumpen, wie es der Ultraschall vermuten ließ, sondern der Hauptanteil ist umgeben von vielen kleinen Satelliten. Und eigentlich sollte das Schmerzempfinden hier im Körper minimal sein, aber auch das soll die Endometriose können. Schmerzempfindlichkeit an Stellen bringen, wo sie gar nicht existiert.

Inzwischen ist klar, dass der Umfang nicht korrekt abgeschätzt wurde und die Vollnarkose für mich als Patient sehr viel weniger Stress und Schmerz bedeutet hätte. Dem Arzt ist es super arg und ich sehe es ihm an. Er meint es. Ich sehe keine Schuld. Es ist kein Fall aus der Masse, Bildgebung ist das eine, wie die Realität dann aussieht, das andere. Ärzte sind keine unfehlbaren Götter – es sind auch nur Menschen, die helfen wollen. Ich halte die Situation trotzdem kaum aus. Mein Schutzengel hat mich hier gerettet, in dem sie in meinem Interesse gehandelt hat. Nach Rücksprache mit dem Arzt legt sie mir rasch einen Zugang und verabreicht mir ein Medikament, das ich nicht mehr aussprechen kann. Ich weiß in dem Moment nicht, was es ist und es ist mir auch egal. Im Nachhinein erklärt sie es mir alles – die Pflegekräfte sind das ohne Aufklärung so gar nicht gewohnt. Aber ich bin kein Neuling und es ist notwendig aka „ein Notfall“, denn ich liege ja schon „offen“ da. Das Medikament aus der Gruppe der Opiate schießt mich kurzzeitig aber schnellwirksam richtig ab. Erst spüre ich keine Veränderung, ich spüre wie ich zittere und mir die Pumpe geht, während die Tränen rollen. Und dann wird alles ruhig in mir, ich merke wie ich sehr ruhig atme und sie mich auch ein paar Mal erinnert, mal richtig tief einzuatmen. Ich fühle mich wie ein schwerer Stein, der ruhig auf den Boden des Meeres sinkt. Das mag sich für jemanden anderen schlimm anhören, aber das ist es nicht für mich nicht. Ich fühle mich ruhig und frei, keine Schmerzen mehr, keine Panik. Ich schaue meiner M. in die Augen, während ich ihre Hand mit meiner halte und bedanke mich immer wieder. Am Schluss sind es sogar beide Hände und ihr Kopf, der an meinem lehnt. Ich erinnere mich an eine allumfassende losgelöste Ruhe in mir, an nichts außer Dankbarkeit.

Ich bin froh, als es vorbei ist. Die Wirkung des Medikaments ist nach Verabreichung sehr schnell verflogen. Der Arzt entschuldigt sich mehrfach, aber wie bereits gesagt, sehe ich keine Schuld. Aber die Menschlichkeit dieser Person beeindruckt mich. Mir wird gesagt, dass ich keine Mimose war und tapfer. So fühle ich mich überhaupt nicht.

Drei Stücke werden schlussendlich entfernt. Als ich auf dem Tisch sitze, darf ich mir die Gewebestücke noch mal ansehen und sogar anfassen. Es ist verrückt, dass das aus meinem Körper stammt. Nun wird es untersucht, um die Diagnose Endometriose in der Bauchwand zu bestätigen. Die 10 Zentimeter lange Naht liegt parallel oberhalb der Kaiserschnitt-Narbe. Ich laufe mit Hilfe meiner Freundin aus dem OP und bekomme wegen Schmerzen noch eine Infusion. Ich ruhe mich etwas aus, esse und trinke etwas. Zu dieser Zeit trifft mein Mann im Krankenhaus ein und lässt sich wartend in der Cafeteria nieder. Die Abschiedsumarmung von M. lässt mich richtig auftanken und bald fühle ich mich fit genug, mich anzuziehen. Ich fühle mich ausgelaugt, müde und mitgenommen – aber bereit für den Weg heim.

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Kleines Feedback, 24h danach:

Am nächsten Morgen werde ich von meiner Periode überrascht, was für ein Timing!

Ich bin nun bis Weihnachten krankgeschrieben. Die Schmerzen lassen sich gut managen und ich ruhe mich aus, weil ich mich ein bisschen schlapp fühle. Die großen Schmerzen der letzten Monate bleiben aus, ich kann es nicht lassen, irgendwie darauf zu warten. Dass es wieder losgeht. Aber der Batzen ist raus. Alles in Allem fühle ich mich den Umständen entsprechend ok. Was meine Zukunft mit der Endometriose birgt, wird sich weisen.

Vielen Dank an alle, die an mich gedacht haben 🖤

Beteilige dich an der Unterhaltung

5 Kommentare

  1. Oh je, was für eine gruselige Geschichte. Du bist wahrlich keine Mimose, du bist tapfer und eine absolute Kämpferin. Hut ab. Bitte pass gut auf dich auf und erhol dich gut. Liebe Grüße, Madlen

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  2. Echt der Horror, Respekt das du trotzdem durchgehalten hast.
    Ich wurde schon oft ambulant operiert, immer in Vollnarkose ausser beim Karpaltunnel. Ich empfand die OP als schrecklich, man spürt das da was gemacht wird und hört alles…nie wieder eine OP ohne Vollnarkose.
    Ich drücke die Daumen das deine Beschwerden mit dieser OP Geschichte sind🍀🍀🍀

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